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Artikel

Bei den Comedian Harmonists wurde die Komödie zur Tragödie.

Info

Künstler: Veronika der Lenz ist da – Die Comedian Harmonists

Zeit: 29.08.2017

Ort: Berlin, Komödie am Kurfürstendamm

Veranstalter: Komödie am Kurfürstendamm

Fotograf: Barbara Braun (Ensemble), Norbert von Fransecky (Location)

Internet:
http://www.komoedie-berlin.de
http://www.berlin-comedian-harmonists.de

Am 27. August hatte Veronika der Lenz ist da – Die Comedian Harmonists an der Komödie am Kurfürsten Damm Premiere. Bis zum 17. September ist das Stück dort nun täglich zu sehen. Das sei als durchaus werbend gemeinte Bemerkung am Anfang gesagt.

Und es ist nicht nur die perfekte Aufnahme der „Originale“ durch die Berlin Comedian Harmonists, die den Besuch nahe legt. Mit Wehmut steht die Bemerkung „Letzte Spielzeit vor dem Abriss“ auf den Programmen, die im Foyer des Traditionshauses ausliegen. Der Investor, der das Gebäude, in dem das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm zuhause sind, gekauft hat, hat sich durchgesetzt. Der Berliner Senat konnte (oder wollte) das nicht verhindern. So wird ein weiteres Stück Westberlin verschwinden. Der Kudamm tut sich mit diesem Abriß gewiß keinen Gefallen.

Das Haus ist ohne Frage etwas spießig und plüschig. Aber auch das machte den speziellen Charme der geteilten Stadt aus, der nicht ganz zu Unrecht das Etikett der Weltstadt auf Provinzniveau aufgedrückt wurde. Aber das war eben Westberlin. Und wer sich anschaut, welche Katastrophen sich heute dort befinden, wo früher das Kranzler oder das Café Möhring waren, gruselt sich schon davor, was ein Investor bauen will, der auf die grandiose Idee kommt, die Spielstätten deR Bühnen in den Keller zu verlegen, damit an der Straßenseite irgendwelche Boutiquen und Restaurants ihren Platz finden können.

Aber uns geht es hier ja nicht, um das Gebäude, sondern um seinen Inhalt, den wir uns zwei Tage nach der Premiere angeschaut haben. Veronika der Lenz ist da – Die Comedian Harmonists hat nicht nur eine Pause, sondern wirklich zwei deutlich unterschiedliche Hälften. In der Pause war ich mir nach der ersten Hälfte unsicher, was ich von dem Stück halten soll. War das nun Theater, oder war das ein Konzert?


Erzählt wurde die Geschichte von sechs Musikern, die den Traum von Harry und dann auch Robert wahr machen wollen – in den Fußstapfen des amerikanischen Vokalensembles The Revellers Stars zu werden. Mit Überwindung von Durststrecken und Selbstzweifeln einzelner Sänger gelingt das auch. Am Ende steht gar ein Auftritt in der Philharmonie, dem „Kulturtempel Furtwänglers“. Der Großteil dieses ersten Aktes besteht aus Gesang, der von eher kurzen Spielsequenzen gerahmt wird. Die Zeitgeschichte, Inflation und Weltwirtschaftskrise, wird kurz angesprochen. Neben den Musikern tritt lediglich noch Romanus Fuhrmann auf, der in verschiedenen Rollen, als Manager, Impresario, später auch als Sprecher der Reichsmusikkammer erscheint. Für ein Theaterstück ist das etwas wenig Handlung.
Ein Konzertfeeling kommt dagegen nicht auf; zum einen haben einige Stücke klaren Proben-Charakter; zum anderen unterbrechen die Spielsequenzen den Spanungsaufbau eines Konzertes.


Spaß gemacht hat das Ganze trotzdem. Die nicht als Proben gekennzeichneten Stücke kamen sensationell gut. Die vielstimmigen Arrangements wurden fantastisch interpretiert und mit viel Humor vorgetragen, der sich nicht zuletzt in Gestik und Mimik ausdrückte. Zu Recht wurde das Ensemble immer wieder mit fast ekstatischem Zwischenapplaus belohnt.

Nach der Pause gewinnt der Spielanteil einen deutlich größeren Anteil. Der wachsende Antijudaismus wurde bereits in der Hälfte angesprochen. Allein durch diese geistige Stimmung wird aber kein Keil zwischen die Gruppenmitglieder getrieben, die aus drei Ariern und drei Juden, davon einem Getauften, besteht. Innerhalb der Truppe kann das sogar mit Witzeleien und Galgenhumor verarbeitet werden.

Dann aber schlägt die Bürokratie zu. Den Comedian Harmonists wird das Auftreten grundsätzlich verboten. Folgende Möglichkeiten werden ihnen angeboten. Die Arier könnten sich mit anderen verstärken und unter einem neuen – deutschen – Namen weiter machen. Die Juden könnten sich der jüdischen Kulturvereinigung anschließen und in Zukunft nur noch vor rein jüdischem Publikum auftreten. Aber dann wird ihnen doch noch eine dritte Möglichkeit gegeben. Die Comedian Harmonists können so weiter machen wie bisher und gemeinsam unter diesem Namen auftreten – allerdings nicht innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs.

Dieses Angebot wird angenommen und die Gruppe tourt einige Monate permanent zwischen den Metropolen Europas und der USA. Aber das erweist sich als ein Zustand, der auf Dauer nicht trägt. Die Arier können der Möglichkeit nicht widerstehen, zurück in die Heimat zu gehen. Die Juden können ihnen das nicht verzeihen. Es kommt zu sehr scharfen Worten und zur endgültigen Trennung. Wie tief die gegenseitigen Verletzungen waren, wird mit den letzten Worten des Stückes deutlich. Romanus Fuhrmann verlässt die Bühne mit den Worten: „Die Mitglieder des Comedian Harmonists haben sich nach 1945 nie wieder getroffen, obwohl alle den Krieg überlebt haben.“


In diesem Teil des Stückes ist auch die spielerische Leistung überzeugend. Die innere Zerrissenheit der Menschen wird erkennbar. Niemand wird verurteilt. Es wird deutlich, dass sich die Musiker in einer Situation befanden, die eine moralische Überforderung für jeden wären. Angeklagt wird ein rassistisches Denken, das keinen Raum für Menschlichkeit oder Freundschaft mehr lässt.

Hier ist Veronika der Lenz ist da – Die Comedian Harmonists ungeheuer dicht und ergreifend. Und jeder im Publikum weiß, dass nach dem Stück, das von den Ariern vor der Hakenkreuzfahne gesungen wird, nicht geklatscht werden kann.

Aber so gestimmt wird das Publikum nicht entlassen. Nach begeistertem Applaus und mehreren Vorhängen gibt es weitere Zugaben, die nun doch noch das Konzertfeeling erzeugten und mit dem Stück „Auf Wiedersehen“ abgeschlossen werden, mit dem auch die Comedian Harmonists ihre Konzerte zu schließen pflegten.

Dass die Comedian Harmonists nicht mehr dazu kamen dieses Stück aufzunehmen, wird im Rahmen eines sehr sympathisch vorgetragenen „Werbelocks“ genutzt, um darauf hinzuweisen, dass dies nun durch die Berlin Comedian Harmonists besorgt worden sei. Es gäbe jetzt im Foyer mehrere CDs „auch in großen Mengen“ zu erwerben, mit denen man sich dann weitere Zugabenwünsche ganz individuell erfüllen könne.

Hintergrund dieser CDs ist die Geschichte von Veronika der Lenz ist da – Die Comedian Harmonists, das 2017 nicht seine erste Premiere hat. Nach der erfolgreichen Uraufführung im Dezember 1997 sind die für das Theaterstück „zusammengestellten“ Berlin Comedian Harmonists selber auf Tor gegangen und haben ein ziemlich erfolgreiches Eigenleben entwickelt. An der aktuellen Inszenierung sind noch drei der Originalmitglieder beteiligt.

Bis zum 17. September ist Veronika der Lenz ist da – Die Comedian Harmonists, wie gesagt, noch in der Komödie am Kurfürtstendamm zu sehen. Aber danach gibt es noch diverse Möglichkeiten die Berlin Comedian Harmonists live zu erleben.

Norbert von Fransecky


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