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Der Pfeifer auf dem endlosen Fluss - Pink Floyd Part 3: von einem aufregenden Pudding und einer nuklear betriebenen Mutter

Atom Heart Mother stand im Grunde am Ende der ersten künstlerischen Krise von Pink Floyd. Mit dem Soundtrack More hatten sie ein recht erfolgreiches Song-Album veröffentlicht, währenddessen Ummagumma zwar aufgrund der Live-LP ebenfalls ziemlich erfolgreich war, das künstlerische Konzept der Studio-LP jedoch als „überambitioniert gescheitert“ angesehen werden darf. Die jeweils 25 % dieses Albums, die jeder Musiker der Band als Solist füllte, ergaben am Ende halt zwar jede Menge gute und interessante Ideen, aber dennoch keine 100 % Pink Floyd. Doch dazu mehr an anderer Stelle.

Für Atom Heart Mother begann die Band einen heute wohl nicht mehr machbaren Weg, um zu ihren Alben zu kommen, für die nächsten Jahre bis Animals zu professionalisieren: Sie fanden sich einerseits im Studio ein, um Ideen aufzunehmen und zu verarbeiten. Andererseits erprobten sie die Ergebnisse auf der Bühne auf ihren Konzerten. So erfuhr das Titelstück "Atom Heart Mother" bereits in den späten 60er-Jahren seine Uraufführung unter anderem unter dem witzigen Titel “The Amazing Pudding“.

Zu mir fand das Album mit dem ikonenhaften Cover (nur Pink Floyd konnten zu der Zeit auf die Idee kommen ein Album in eine Hülle mit einer Kuh und ohne jegliche Erwähnung des Band- oder Albumnamens darauf zu packen) 1981 in der damals erschienenen Pink Floyd Collection-LP-Box. Und auch wenn das Cover mich faszinierte: das Album tat es lange Zeit nicht wirklich. Vom Titelstück gefielen mir nur wenige Passagen und zwar vor allem die Geräusche und die Passagen ohne Orchester. Von den Songs der zweiten Seite faszinierte mich natürlich Roger Waters schwermütigen Selbstzweifel auf If“ (aus heutiger Sicht ein echter Vorbote auf einige The Wall-Songs). “Fat Old Sun“ gefiel, aber haute mich auch nicht um, währenddessen Wrights “Summer of 68“ damals wie heute ebenso begeistert(e). Ansonsten haute das Album zwar meinen südamerikanischen Kumpel (gleichen Alters, wohnte im selben Haus wie ich) Helmuth, der sonst Elvis-Fan war um, ich konzentrierte mich mehr auf die Werke ab Obscured by Clouds.


Atom Heart Mother begann mich erst in den 90ern zu faszinieren - in der Zeit als kurzfristig durch eine Gesetzeslücke Bootlegs legal waren und ich dadurch an zwei spannende Veröffentlichungen kam: Space Libbiest Monitor, eine Konzertaufnahme mit eben Atom Heart Mother, verpackt in einem Gimmick-Flod-Out-Cover, aus dem jedoch witzigerweise keine Kuh, sondern das Animals-Schwein herauskam sowie eine 3-CD-Box mit Live- und Studioaufnahmen aus den Jahre 1966 - 1973 enthielt - unter anderem eine frühe Version von Atom Heart Mother ohne die später von Ron Gesin hinzugefügten Orchesterparts. Über diese Aufnahmen bekam ich wieder Interesse an dem Album und begann es zu lieben.
Das Titelstück ist - wie eingangs erwähnt - Ausdruck einer Band, die ein wenig orientierungslos ist. Sie trug verschiedene Ideen im Studio zusammen und bastelte aus diesen Passagen eine längere Suite. Mit dem Ergebnis war sie jedoch eher unzufrieden und übergab die Bänder an Ron Gesin, mit dem Roger Waters kurz zuvor den seltsamen Soundtrack Music from the body aufgenommen hatte.

Gesin fügte sehr abstrakte, der Klassik und vor allem dem Jazz angelehnte Orchesterparts hinzu, welche die holprige Suite teilweise zusammen schweißte, an anderen Stellen jedoch sogar eher auseinander klaffte. Zusätzlich fügte er einen Chor hinzu, der die Dramatik des Stückes tatsächlich steigerte, aber nicht wirklich hörbarer machte. Zumindest nicht für denjenigen, der Musik aus der Barrett-Phase oder der späteren Alben erwartet. Schlussendlich zu einer Einheit konnte das Album wohl nur durch die Liveerprobung werden. Lässt man sich auf den sperrigen Brocken ein und kommt durch den teilweise kakophonischen Beginn (die ersten ca. 5 Minuten) hindurch, wird man in den folgenden ca. 18 Minuten mit tollen instrumentalen Passagen der Band, die schon Ausblick auf das was noch kommen sollte gab, den im Kontext dann doch herzergreifenden und auch mitreißenden Chorpassagen, die man wohl so vorher noch nicht gehört hatte und ebensolchen Orchesterparts belohnt. Auch ohne Text schafft es Atom Heart Mother bedeutungsschwer zu klingen, Emotionen zu erregen und aufzuwühlen, was sicher auch an der Wahl des kongenialen Titels liegt.


Atom Heart Mother ist definitiv der Nährboden auf dem dann Meddle und somit auch Dark Side of the Moon entstehen konnten und auch die Songs der B-Seite (das wirklich überflüssige, wenn auch witzige “Alans Psychedelic Breakfast“ mal ausgenommen) für welche die Band sich Jahrelang warum auch immer schämte, bieten bereits Ausblick auf die Zukunft. Dass in erster Linie David Gilmour das Album der 93er „Gesamtwerkschau“ Shine On (ebenso wie Piper und Final Cut) nicht beifügt ist für mich bis heute unverständlich.

Sicher eines der sperrigsten Alben der Band, aber genau deshalb unglaublich wichtig und entdeckenswert.

Bewertung:
Musik: 8
Text(e): 7
Produktion, Klang: 7
Cover: 10

Gesamt: 15,5


Wolfgang Kabsch


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