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Artikel

Play Latin #7

Joyce Moreno
Raiz
Far Out Recordings/ D‘Hart
42:14 Min
Bossa Nova

Nach Marcos Valle feiert nun auch Joyce Moreno das 50. Jahr ihrer Karriere und blickt auf ihrem neuen Album zurück auf die Musik, von der sie damals beeinflusst wurde: Natürlich Tom Jobim, Baden Powell & Co. Mit dabei als Gast ist auch ihr einstiger Förderer Roberto Menescal, mit dem sie zwei seiner Titel aufnahm. Obwohl sie eine gute Gitarristin ist, hat sie sich hier weitgehend für ein Klavier-Trio als Begleitung entschieden, wohl um ihrem Bedürfnis Rechnung zu tragen, einige jazzige Gesangsimprovisationen zu ermöglichen. Tatsächlich hält die Musik eine gute Balance zwischen Lied und Jazz. Wer den Klassiker „Desafinado“ gut im Ohr hat, dem wird sofort auffallen, was sie daraus macht: Sie verlangsamt das gewohnte Tempo, dehnt die Vokale, lässt das Piano dazwischen kommen. Bei „Meu Piao“ hingegen zeigt sie vollen Einsatz, verschmilzt Melodie und Rhythmus zu einer Einheit und erinnert in der Eloquenz des Gesangs dabei fast an Brasiliens Jazz-Diva Tania Maria. Höhepunkt ist das hypnotische „Tampa“. Joyces wilder, textloser Gesang wirkt hier im wahrsten Sinn des Wortes beschwörend. Alles in allem ein angemessenes Jubiläums-Album mit wohlgemerkt ausnahmslos Neueinspielungen.

Bongo Botrako
Punk Parranda
Kasba/ mc-galileo
51:03 min
Mestizo

Was macht eigentlich Mestizo-Bands so beliebt? Ihre einfache, aber intensive Art ist nun mal die absolute Publikumsanmache. Besonders gut nachvollziehbar ist das jetzt bei der spanischen Band Bongo Botrako und ihrer DVD/ CD „Punk Parranda“. Diese Band liefert das Standardrezept für Mestizo: schnell durchgepeitschte Ska-Rhythmen oder Reggae mit Temposteigerungen und Rockeinlagen. Immer schön 8/8, irgendwo zwischen Pferdegehoppel und Zirkusmusik beim Finale. Oder Kindergeburtstag. Uno, dos, tres – die Rakete steigt – Hurra! Irgendwie ist die Stimmung die gleiche. Aber warum auch nicht? So was braucht ’s halt auch manchmal. Schwitzen soll ja gesund sein.

Quadro Nuevo
Tango
GLM Music
73:41 min
Tango

Erst vor kurzem veröffentlichte die bayrische Gruppe Quadro Nuevo das Hörbuch „Lieben Sie Tango?“ (GLM) über ihre Reise nach Buenos Aires, wo sie sich an der Quelle des Tangos zu neuen Erfahrungen inspirieren lassen wollten. Den Musikern war bewusst, dass die Tangos, die sie schon immer im Repertoire hatten, nach „…ein bisschen Flamenco, ein bisschen Italianitá,… auch inspiriert vom Jazz der 60er Jahre…“ (Booklet) klangen, aber nicht nach authentischem Tango. Mit einem teils vom Cool Jazz beeinflussten Saxophonisten und einer Harfenistin in der Band ist das auch kein Wunder. Aber dennoch hat die Spielweise der Gruppe beim Tango ihren eigenen Stil, wenn er auch etwas kuschelig rüberkommt. Wenn Mulo Francel bei „El Día Que Me Quieras“ zur Klarinette greift und dabei die Easy Listening-Aufnahmen des Klarinettisten Mister Acker Bilk in Erinnerung ruft, hat man so einen Moment. Immerhin ein Erfolgsmuster von Quadro Nuevo. Dennoch merkt man ihnen die Erfahrungen dieser Reise an. Beim Klassiker „La Cumparsito“ schrauben sich Saxophon und Bandoneon gegenseitig in die Höhe. Die Musik marschiert mal und ist dann wieder ganz leise. Die Gegensätze zwischen ihrem Tango und dem argentinischen Tango werden hier ausgelebt. Aber wenn dann „Fuga Y Misterio“ von Astor Piazzolla mit seinem Anflügen von Bach und Miles Davis erklingt, dann sind Quadro Nuevo in ihrem eigentlichen Element, auch wenn sie erfahren mussten, dass Piazzolla in Buenos Aires nicht von allen geliebt wird. Insgesamt wirkt das Album selbst wie eine Reise durch die verschiedenen Spielweisen des Tangos.

Hotel Bossa Nova
Desordem E Progresso
Enja/ Soulfood
52:57 min
Brazil Jazz


Bossa Nova war einst eine Verbindung des brasilianischen Samba Cancao mit Cool Jazz. Irgendwann verkam er zur Fahrstuhlmusik, hatte allerdings dazwischen größten Einfluss auf den amerikanischen Jazz. Genau das Gegenteil von Easy Listening will die deutsche Gruppe Hotel Bossa Nova. Sie verbindet brasilianische Musik mit kunstvollen Jazz-Improvisationen und streut Einflüsse des Fado oder kubanischer Musik dazu. Dabei macht sie es sich nicht unbedingt gemütlich in ihrem Hotel. Immer wieder stellt sie sich selbst infrage und versucht ihrem Ansatz etwas Neues abzugewinnen. „Desordem E Progresso“ – Turbulenz und Fortschritt nennen Hotel Bossa Nova entsprechend auch ihr inzwischen schon fünftes Album, was sich sowohl auf Textinhalte, ihr musikalisches Konzept und als Wortspiel die brasilianische Flagge bezieht (auf der der Spruch „Ordem E Progresso“ – Ordnung und Fortschritt steht).Diesmal sind ihnen vor allem Stimmungen gut gelungen. Ein Beispiel ist das Stück „Momento“: zu harfenähnlichen Clustern erklingt sehr sensibel die akustische Gitarre mit vielen Pausen. Danach beginnt sofort der nächste Song „Ceu Aberto“ mit Liza Da Costas federndem Gesang, einem kratzigen Cellosolo und faszinierenden Gitarrenläufen. So ganz können sie es also nicht lassen, komplex zu klingen. Auch beeindruckend: „Na Dou“ , eine leise Ballade mit einer Perkussion im Rumba-Rhythmus und der Begleitung durch Cello und akustischer Gitarre. Ja, diesmal sind der Band insbesondere die Balladen gut gelungen. Ansonsten bieten die Stücke viele Raffinessen wie Tonart- und Tempiwechsel. Das Quartett zeigt eben, dass zeitgemäßer Bossa Nova nicht unbedingt von Breakbeats und Elektronik leben muss, sondern auch durch interessante Arrangements und seine ursprüngliche Beziehung zum Jazz.

Verschiedene
The Rough Guide To Latin Rare Groove (Vol. 2)
World Music Network/ harmonia mundi
62:02 min
Tropical Dance Mix

“Latin Rare Groove” bezieht sich auf einen Trend der Londoner Clubszene in den 1980ern, bei dem sich die DJs darin gegenseitig übertrafen, immer unbekanntere, aber sehr tanzbare Latin-, Afro- und Funk-Scheiben auf u. a. Flohmärkten aufzutreiben und so mit einer originellen Plattensammlung die World-Music-Disco zu etablieren. Dieser Trend ist derzeit sogar wieder im Kommen und da landet diese Kompilation gerade rechtzeitig im Player. Zu entdecken gibt’s hier immer was wie z. B. die Belking’s, die mit einer funkigen Rhythmusgitarre einen ganzen Latin-Bläsersatz ersetzten. Aber es sind auch neuere Bands dabei, die den alten Sound abfeiern, allen voran Quantic, die einen sehr treibenden Rhythmus vorlegen, dann Jungle Fire mit viel Timbales und Dub-Effekten oder Systema Solar, eine überraschend melodiöse Fusion von kolumbianischen Stilen mit Hip Hop und Turntable-Sounds. Ist hier der Anspieltipp.


Dona Onete
Feitiço Caboclo
Mais um Discos/ Indigo
43:27 min
Brasilianischer Nordosten

Vom aufstrebenden Label Mais Um Discos kommt Dona Onete, eine Sängerin aus dem Amazonas-Gebiet, die mit 71 Jahren nun ihr erstes Album einspielte. Die späte Entdeckung ist ihr Geld wert, denn ihre Melodien sind voller Lebenslust, packend und mit Hitpotential. Ihre Musik ist eine Mischung aus der Folklore ihres Bundesstaates Pará und den hierzulande weniger bekannten Stilen Carimbó, Boi Bumba, Brega sowie der Samba des Nordostens, was allein schon ein Grund ist, mal reinzuhören. Entdeckt wurde sie von ihrer heutigen Band Coletivo Radio Cipó auf einer Party. Ihre leicht rauchige Stimme und die oftmals verschnörkelte Rhythmik passen gut zueinander. Traditionelle Musik, die richtig Spaß macht und unverbraucht klingt.

Axel Krygier
Hombre De Piedra
Crammed Discs/ Indigo (CD)/ PIAS (digital)
39:54 min
Argentinien/ Alternative-Pop

Beim Argentinier Axel Krygier könnte man fragen, ob das überhaupt noch Latin Music ist. Man sollte diese Frage beiseitelegen, denn dann versäumt man genau die Möglichkeit, einmal eigenständigen und innovativen Pop in diesem Kontinent anzuhören. Längst braucht sich das Niveau solcher Künstler nicht hinter dem des so genannten internationalen Marktes zu verstecken. Krygier stellt mit seiner Kreativität und Versponnenheit hiesige Chartstürmer vielmehr lässig in den Schatten. Vor allem nimmt er sich die Freiheit, mit allen möglichen Elementen der Popgeschichte zu spielen, sei es Country, Surf Music oder Electro Pop, bis hin zum Klangzitat des Synthie-Klassikers „Popcorn“. Und genau das ist ein Weg, den in der Tropical Music immer mehr Bands gehen. Originell, lustig, verschroben und mit viel obskurer Electronica, so vieles auch aus Peru oder Brasilien. Bei Krygier jagt ein „Mosquito“ im gleichnamigen Titel sozusagen Johnny Cashs „Ghostriders in the Sky“ und die ganze Herangehensweise wirkt fast wie eine Hommage an das frühere englische innovative Popduo Godley & Creme. Auch die setzten einst ähnlich skurrile Stimmenverzerrungen ein. Hier ist ein Raumschiff mit argentinischen Gauchos unterwegs und die Roboter an Bord spielen in der Mittagspause einen Blues namens „Invitame“. Man höre und staune.

Hans-Jürgen Lenhart


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