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25 Years after - Mein Leben mit der CD; Folge 28: Zodiac Mindwarp and the Love Reaction - Tattooed Beat Messiah

Tipps von Freunden, selbst bespielte Cassetten, das Radio, Rock- und Pop-Zeitschriften, das Cover Artwork (im Plattenladen) – das waren Ende der 70er die wesentlichen Quellen, durch die man auf neue Bands stieß. Internet, Google, youtube, etc pp. gab’s ja noch nicht.

1984 startete ein neues Medium. In verschiedenen deutschen Großstädten wurden als Pilotprojekte die ersten Kabelnetze gestartet. Das vervielfältigte gegenüber dem bisherigen Antennenempfang die Anzahl möglicher Fernsehprogramme. Die Geburtsstunde des Privatfernsehens hatte geschlagen. Am 1. Januar ging ein Sender, wie es ihn bislang noch nicht gegeben hatte, auf Sendung – zuerst nur im Kabelpilotprojekt Ludwigshafen, später bundesweit. Es war die „Musicbox“, die vier Jahre später in „Tele 5“ umbenannt wurde. Beide Sender boten ein reines Musikprogramm; während des Tages moderierte Sendungen; in der Nacht ein Non Stop Clip-Programm. Später war dann auch der englische Sky Channel zu empfangen. Beide Sender bestehen noch heute; allerdings nicht mehr als Musikkanäle.

Die Gründung dieser Sender hat dem Musikgeschäft einen kaum zu unterschätzenden Impuls gegeben. Es lohnte sich plötzlich Musik-Videos zu drehen. Die gab es zwar vereinzelt auch schon vorher. Aber es gab praktisch keine Abspielmöglichkeiten. Gelegentlich wurde so ein Filmchen mal in einer der wenigen Musiksendungen im Fernsehen ausgestrahlt. Aber in der Regel standen dort die Bands im Studio, um zu der vom Band eingespielten Musik Lippen, Arme und Beine zu bewegen. Filme zu drehen war ein Luxus für Bands, die sich das leisten konnten, oder unbedingt wollten.


Einige Monate lang war nun die Situation geradezu umgekehrt. Musikbox und Sky Channel brauchten Material zum Abspielen. Eine Notwendigkeit, Musikvideos zu produzieren, bestand aber noch nicht. Heute ist völlig klar, dass zu jedem Album, das vernünftig promotet werden soll, mindestens ein Video gedreht werden muss. Mitte der 80er haben nur die Bands so etwas gemacht - und teilweise gegen die Plattenfirmen durchsetzen müssen -, die das unbedingt wollten. Die Folge? Lieblos runtergedrehte Clips, in denen 3 Minuten 30 lang wenig mehr passiert, als dass Musiker ihre Gitarren und Gesichter in die Kamera halten (oder Musikerinnen ihre Ärsche und Titten), gab es kaum. Ein Großteil der Clips waren engagiert produzierte Kurzfilme, die versuchten die Stimmung der Musik in Bilder zu fassen, oder kleine Geschichten zu erzählen. So machte es oft Spaß selbst solche Musik zu sehen, die man nicht unbedingt gehört hätte.

Meine Chancen, dieses Angebot zu nutzen, waren allerdings eher gering. Ich besaß während des Studiums lediglich einen alten tragbaren Schwarz-weiß Fernseher aus der Erbmasse meines Onkels, der auch nicht mehr ganz in Ordnung war. Es war schlicht nicht möglich, bei einem Sender gleichzeitig Ton und Bild scharf zu stellen. War das Bild scharf, war überhaupt nichts mehr zu verstehen. Bei klarem Ton war nichts zu erkennen. Es gab aber die Möglichkeit, einen verzerrten Ton bei flackerndem Bild zu hören. Selbst wenn das Gerät kabeltauglich gewesen wäre und ich einen Anschluss gehabt hätte, wäre die Kiste zu wenig mehr zu gebrauchen gewesen, als einmal am Tag Nachrichten zu sehen. Dazu stand das Gerät ja auch bei mir. So waren es die Abende und Nächte, die ich in den Semesterferien oder an vereinzelten Wochenenden bei meinen Eltern verbrachte, die es mir ermöglichten, mal ein paar Clips zu sehen – und eventuell mitzuschneiden. Die entsprechenden VHS-Cassetten habe ich heute noch im Regal stehen.
... in der ein junges Metal-Päärchen bei Eltern, Lehrern und Gleichaltrigen wegen ihres Outfits und ihrer Liebe zu den harten Klängen nur auf Ablehnung stößt.

Eine der Sendungen, die ich dabei gezielt ansteuerte, war Hard’n’heavy - moderiert von der langmähnigen Annette Hopfenmüller, die genauso aussah und sich benahm, wie der gemeine Spießer sich eine Metal-Braut vorstellte, aber natürlich so brav, dass das für einen Mainstream-Sender erträglich war. In ihrer Sendung liefen recht breit gefächert Clips aus den härteren Rock-Segmenten. Wieviel Bands es letztlich sind, die ich darüber kennen und schätzen gelernt habe, weiß ich nicht. An einige kann ich mich aber deutlich erinnern. Die Scheiben der Georgia Satellites und von Omar and the Howlers hätte ich definitiv nicht im Schrank. Auf Running wild bin ich durch einen Live-Clip zu „Conquistador“ aufmerksam geworden. Helloween waren mit „I want out“ dabei. Dave Coverdale präsentierte einen Whitesnake-Song mit knapp bekleideten Models, die sich auf einem ebenso heißen Sportwagen räkelten.

Und dann gab es da einen Clip, den ich bis heute für geradezu genial halte. Von Zodiac Mindwarp hatte ich vor „Prime Mover“ nie etwas gehört. Aber dieser Clip brachte die Attitüde der Pubertät mindestens so gut auf den Punkt, wie die Twisted Sisters Videos. Während die aber relativ direkt – und dadurch platt – waren, arbeitete das b-Picture „Prime Mover“ subtil und so, dass es jeden Symboldidaktiker jubeln lässt.

Die Band dringt im Outfit dreckiger Weltraum-Marodeure in eine Klosterschule ein, vernichtet dort nacheinander Symbole von Schutz, Unterdrückung, Kindheit und Autorität. Und obwohl der Text mit seinen schlüpfigen Anspielungen durch jede Prüfung auf political correctness fallen würde, kann man ihn kaum als sexistisch bezeichnen, erfüllen sich doch sowohl die Träume männlicher als auch weiblicher Teenager. Die Herren der Schöpfung ziehen die Girls geradezu magnetisch an und die Mädchen werfen den Kokon der Kindheit ab, um zu erotischen Verführerinnen zu werden.

Auch die Arbeit mit nationalsozialistischen Begrifflichkeiten dürfte manch ene Stirnader anschwellen lassen. Aber man sollte zu Gute halten, dass es eine britische und keine deutsche Band ist, die Formulierungen, wie „I’m a Sex-Führer“, „Blitzkrieg Romance“ und „Love Dictator“ benutzt.

Im Juli 1988 habe ich Zodiac Mindwarps dazugehörige Debüt-CD Tattooed Beat Messiah auf dem Flohmarkt in Hannover verhaftet.

Norbert von Fransecky


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