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Artikel

DIE ÄRZTE live

Info

Künstler: Die Ärzte

Zeit: 15.05.2004

Ort: Carl-Diem-Halle, Würzburg

Internet:
http://www.smokeblow.de
http://www.bademeister.com

Schon als ich mitten in der Pubertät war wollte ich einem Konzert der "Besten Band der Welt" beiwohnen, doch aus unerklärlichen Gründen kam immer etwas dazwischen wenn Die Ärzte in meiner Nähe ihre Sprechstunde veranstalteten. So musste ich erst ein Vierteljahrhundert alt werden bis diesem Vergnügen nichts mehr im Wege stand.

Als wir uns an besagtem Samstag brav in die gewaltige Einlassschlange vor der ehemaligen Carl-Diem-Halle einordneten, kam ich mir als Schwermetaller zugegebenermaßen schon etwas seltsam vor, denn so viele buntgekleidete Menschen mit einem Durchschnittsalter, das knapp unter der 18-Jahre-Grenze lag, waren meine Augen einfach nicht gewöhnt.
Es ist auf jeden Fall bemerkenswert, dass das Publikum dieser Truppe scheinbar nicht gealtert ist, während die Bandmitglieder beim Fussball schon bei den "Alten Herren" kicken würden.

Nachdem wir uns auf unserem Sitzplatz ausgebreitet hatten, brach in der seit Wochen ausverkauften Location lauter Jubel aus, doch diese Beifallsbekundungen hatten leider nichts mit der gerade eintreffenden MAS-Fraktion zu tun, sondern eher mit Farin Urlaub, der es sich nicht nehmen ließ, höchstpersönlich die Vorgruppe Smoke Blow anzusagen. Diese Geste und die Tatsache, dass Herr U. die ersten drei Songs des Supportacts aus Kiel begeistert vom Platz am Mischpult aus verfolgte, lassen darauf schließen, dass der blonde Fronthühne seine Vorgruppe sehr gut fand und auch das Publikum hatte gegen die Nominierung von Smoke Blow als Anheizer hörbar nichts einzuwenden. Eigentlich ist dieser Fakt schon ein wenig verwunderlich, da der Mix aus Wüsten- und Punkrock, den die Jungs aus dem hohen Norden fabrizierten, schon etwas vom Ärztesound abweicht, aber gute Musik bleibt nun einmal gute Musik und das wussten an diesem Abend auch die Tausendschaften in Würzburg zu schätzen.

Für einen modernen Touch bzw. Bewegung auf der Bühne sorgten bei Smoke Blow wieder einmal die zwei gesanglich unterschiedlich ausgerichteten Frontmänner. Als die Nordlichter ihr Set beendet hatten, wurden sie mit jeder Menge Applaus von den Ärzte-Jüngern verabschiedet, die erst jetzt mit den "Wir wollen die Ärzte sehen"-Chören loslegten, was mit einem Ritterschlag für die Truppe aus der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins gleichzusetzen ist.

Nachdem das anwesende Volk ebenjene Forderung in gesungener Form ca. 356mal wiederholt hatte, lüftete sich endlich der überdimensionale Vorhang, der bis dahin den Blick auf die Bühne unmöglich machte. Der heißersehnte Hauptact aus Berlin eröffnete sein Programm mit dem zur Situation passenden Titel "Nicht Allein", obwohl sich die drei Helden des heutigen Abends bei solch euphorischem Empfang wohl alles andere als einsam gefühlt haben. Schon bei diesem Song offenbarte die Band dem Publikum das beeindruckenste Begleitutensil der "Unrockstar"-Tour, denn das gewaltige Drumkit inklusive funkelaugenbesetzer Totenschädel-Bassdrum eignete sich von Beginn an als wunderbarer Blickfang. Sonstige Augenschmankerl gab es bis auf die obligatorischen, spärlich eingesetzten Projektionen, Feuereffekte und diversen Kostümierungen der Musiker leider nicht zu bewundern, denn der reichaltige Fundus an Kultsongs und die beinahe Comedyshow-tauglichen Ansagen von Bela B. und Farin Urlaub sollten eindeutig im Vordergrund stehen. Gut so!

Einfach herrlich, wie spontan und unverbraucht die Herren Rockstars mit ihrem trockenen Humor wieder einmal wirkten, wobei bei Basser Rod Gonzalez leider immer noch ein paar Semester Medizin notwendig wären, bis er sich ausstrahlungstechnisch in einer Liga mit seinen zwei Meistern befindet. Auch wenn Farin Urlaub nach dem sechsten Song schon scherzhaft ankündigte, dass die letzten vier Titel bereits Zugaben waren und der Gig eines gewissen Rappers namens 50Cent auch nur eine knappe halbe Stunde dauern würde, darf ich schon vorwegnehmen, dass die Berliner auch im Jahre 2004 noch jede Menge Leistung für's Eintrittsgeld bringen und ihr Konzert weit über zwei Stunden andauerte, was bei dem enormen Backkatalog der Truppe auch kein großes Wunder ist. Natürlich konnte es das Trio nicht vermeiden, dass einige Klassiker wie z.B. "Männer sind Schweine" dem Rotstift zum Opfer fielen, doch alles in allem konnte man den Berlinern ein gutes Händchen bei der Auswahl der Setliste bescheinigen, die man als ein Best-Of-Programm mit leichtem Hauptaugenmerk auf die sogenannte "Pre-Ärzte-Split-Ära" bezeichnen konnte. (Männer sind Schweine wird von den Ärzten generell nicht mehr live gespielt, Anm. d. Red.)

Sogar das Akkustikalbum Rock`n`Roll Realschule wurde durch einen eigenen Block gewürdigt, bei dem die Band sich mit hübschen roten Schuluniformen schmückte und diverse Klassiker plus dem neueren Track "Monsterparty" in stromloser Form zum Besten gaben. Highlights des offiziellen Teils dieses Gigs waren jedoch die von Bela B. in einem Vampirkostüm vorgetragene Gänsehautballade "Der Graf", der im Refrain durch tausende Kehlen unterstützte "Schrei Nach Liebe" sowie Belas vergebliche Versuche, das angeblich verwöhnte Würzburger Publikum zu Zugaberufen bzw. irgendwelchen sonderbaren Stimmungstests zu animieren. Na, na, Herr Felsenheimer! So schlecht war die Stimmung im schönen Frankenland nun wirklich nicht.

Wer sich beim Mitsingen bzw. Pogotanzen bis dahin immer noch nicht völlig verausgabt hatte, durfte bei den offiziellen Zugaben in Form der Klassiker "Westerland" und "Zu Spät" noch einmal die letzten körperlichen Reserven mobilisieren, bevor man nach diesem genialen Konzert mit einem Lächeln im Gesicht aus der Halle flüchtete, um außerhalb der Location ein große Portion wohlverdiente Frischluft zu tanken. Es hat sich auf jeden Fall, auch in meinem fortgeschrittenem Alter, gelohnt, einem Konzert der "Helden meiner Jugend" beizuwohnen und meinetwegen können die drei Berliner in dieser Form bis ins hohe Rentenalter ihre Späße auf der Bühne zelebrieren. Meine Wenigkeit ist beim nächsten Mal auf jeden Fall wieder dabei, egal ob ich mich dann alterstechnisch noch mehr von der Zielgruppe der drei Berliner entfernt habe.

Manuel Liebler


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